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Interview mit Inken
Baller - Policy
of geometry
Seit nunmehr über 30
Jahren vor Ort für die Umsetzung anspruchsvoller, humaner Architektur
engagiert, stellt sich Inken Baller mit spielerisch kreativem Einsatz
immer wieder neuen Situationen im Bauen und in der Lehre.
Schon das erste realisierte
Gebäude 1966 in Zürich, das Haus Bachmann, zeigt die kulturelle
Anknüpfung an die künstlerisch und sozial engagierte Avantgarde
des Jahrhundertbeginns in Berlin bei Inken Baller auf. Das Studium
kaum beendet, setzt sie sich zunächst in Arbeitsgemeinschaften über
Wettbewerbe im Raum Köln durch. In den 70-er Jahren baut sie Ihre
ersten großen Erfolge in Wohnungs- und Sozialbauten gemeinsam mit
Ihrem damaligen
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Mann und Arbeitsgefährten
Hinrich in Berlin. Der
intelligente Umgang mit dem Vermächtnis Bruno Tauts am Cottbusser
Tor 1976 sowie das erste expressive Wohn- und Geschäftshaus in der
Lietzenburgerstr. 1975 verschaffen den Ballers eine Sonderstellung
im steinernen Berlin. Die soziale Wohnbebauung am Fraenkelufer steht
nach wie vor als Indikator für eine humane, expressiv und sozial
engagierte Aufwertung der Stadt in Kreuzberg.
Seit 1990 von Ihrem Mann
getrennt, setzt Inken Baller mit dem genossenschaftlichen Projekt
der Weiberwirtschaft für sich neue Schwerpunkte.
Der Stern-Wettbewerb
1996 "Mein Wunschhaus" läßt Inken Baller eine Flut von Einfamilienhäusern
in Berlin bauen und trägt zu Ihrer Bekanntheit
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außerhalb der Architektenkreise
bei. Ihre nunmehr über 10-jährige Lehrtätigkeit als Professorin
zunächst an der Gesamthochschule in Kassel und seit 1997 an der
jungen und bewegten Universität in Cottbus, zahlreiche Beiratstätigkeiten
und ihr Engagement als Prodekanin bilden für sie die Plattform zur
Mitwirkung an der Veränderung im Denken und Bauen der Gegenwart.
Prägungen
Sie haben sich gemeinsam
mit Ihrem ehemaligen Mann und Büropartner in Ihrem Architekturschaffen
auf Bruno Taut, Hugo Häring und Hans Scharoun bezogen. Was verbindet
Sie in Ihrer persönlichen Arbeitsweise mit diesen Architekten?
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Das von Hinrich Baller
entworfene Haus Bachmann entsprach auch meinen Ideen vom Bauen.
Ich hatte als Schulkind immer schon Häuser entworfen, durchaus mit
Ähnlichkeiten zu diesem Haus, leider habe ich sie alle weggeworfen;
schade, es waren bewegte Häuser, die ich in dieser kleinen Stadt
(Brunsbüttel) nirgendwo gesehen habe, es waren meine Traumhäuser.
Scharoun und Häring hatte
ich zu der Zeit nicht gekannt, ich habe sie erst während meines
Studiums entdeckt, und insofern war es auch kein Zufall, daß ich
nach meinem Vordiplom mein erstes Projekt bei Hinrich Baller als
wissenschaftlicher Mitarbeiter bearbeitete.
Der Einfluß von Häring,
Scharoun und Taut ist bis
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heute geblieben :
der Begriff von Raum
- Innen- und Außenraum - als strukturierter Raum, der einerseits
ein individueller, "funktionaler" Raum ist, andererseits im Erleben
immer wieder neue Aspekte eröffnet, ein offener Raum, der nicht
eingrenzt, sondern inspiriert, sensibilisiert, einlädt zum Denken
und Träumen. Alle drei Architekten haben überdies auch in ihrem
Werk den sozialen Kontext einbezogen und durchaus kostengünstig
gebaut.
Man kann sagen, daß ich
durch Hinrich Baller diese Architekten für mich entdecken konnte,
er im Gegenzug dazu durch mich Philosophen wie Ernst Bloch und Susanne
K. Langer kennengelernt hat. Eine Dimension, die wir zusätzlich
entwickelt haben, ist die baukonstruktive Durcharbeitung.
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Frau für besondere
Aufgaben
Sind Sie seit der
Unabhängigkeit von Ihrem ehemaligen Mann zur Frau für besondere
Aufgaben geworden, z.B. für Nischenarchitektur in Form von Sanierung
schwierigen Altbaubestandes wie der Weiberwirtschaft?
Wir haben immer gesagt,
wir bekommen nur die Aufträge, wo die Sonne von unten scheint. So
ist es keine Besonderheit für mich, sondern vielmehr eine Fortführung
dieser Nischen, unserer gemeinsamen Arbeit gewesen; es hat sich
noch verstärkt durch neue Themen z.B. Sanierung von Altbaubeständen,
das mache ich richtig gerne, und Einfamilienhäuser, sie machen mir
auch sehr viel Spaß. Wir haben gerade gestern wieder ein Richtfest
gefeiert.
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Sozialer Auftrag -
künstlerische Ambition - Kontakt mit Bauherren
Wie sehen Sie im konzeptionellen
Entwickeln eines Gebäudes das Verhältnis zwischen sozialem Auftrag
und künstlerischer Ambition? Sie haben eine große Reihe Einfamilienhäuser
im Rahmen der STERN - Aktion gebaut - gerade in diesem direktesten
Kontakt mit Bauherren für ihr eigenes Reich ist die Vermittlung
eigener Ambitionen häufig am schwierigsten - wie beurteilen Sie
in diesem Arbeitsfeld Ihren Auftrag und Ihr Anliegen?
Entwerfen heißt immer
auch etwas für die Zukunft entwickeln, es ist auch ein Stück Hoffnung
dabei auf eine "bessere Welt", konkrete Utopie im
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Blochschen Sinne. Wir
als Architekten sind sozusagen die Spezialisten für die Beantwortung
der Frage, wie wir in Zukunft leben wollen und in welcher Umgebung;
darin sehe ich die wesentliche soziale Verpflichtung des Architekten.
Die Bauherren der Einfamilienhäuser
haben im Gegensatz zu den sonst üblichen "Bauherren" den großen
Vorteil, daß es wirklich Menschen sind, mit denen man über Wünsche
und Träume diskutieren kann. Man ist faktisch Fachfrau für das räumliche
Umsetzen; Umsetzung beschreibt den Prozeß, der sich nicht funktional
herleitet, sondern auch eine spezifische und persönliche Interpretation
der Bedürfnisse bedeutet. Ich denke, es ist wichtig, in einem Haus
immer wieder ganz überraschende Einblicke und Entdeckungen für die
Bauherrn zu erzeugen.
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Zum Begriff des Dekorativen
Schwungvolle Dachtraufen,
florale, türkisfarbene Balkongitter, gewölbte Dachtragwerke gelten
als Ihre Markenzeichen - gilt das für Sie seit 1990 in gleicher
Weise und wie stehen Sie zu dem Begriff des Dekorativen?
Türkise Balkongitter,
die sehr dekorativ sind, sind wirklich das Markenzeichen von Hinrich
Baller. Es kommt jedoch durchaus vor, daß ich, z.B. in der Fabrik
in Kassel, spezielle Dachtragwerke entwickelt habe, die eine geschwungene
Dachtraufe besitzen, allerdings aus Belichtungsgründen, aus räumlichen
und strukturellen Gründen. - Zum Begriff des Dekorativen : eine
Architektur ohne Dekor gibt es faktisch nicht Selbst in der reduziertesten
Form
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wird ein Detail oder
das Material zum Dekor. Es gibt die Sehnsucht beim Menschen, etwas
mehr als das nur unbedingt Notwendige zu entwickeln und damit beginnt
das Dekor.
Sonderstellung
"Formenwelt des Jugendstils",
"Expressionismus", antroprosophische Architektur wurde in Ihrem
Zusammenhang bis 1990 immer wieder zwischen Haltung und Dekor zitiert.
Wie beurteilen Sie diese Versuche Ihrer gestalterischen Einordnung?
Helga Fassbinder schreibt in der a+u 1986, es gäbe bei Ihnen "keine
geniale Einzelleistung am Zeichentisch". Gerade dieses wird Ihnen
jedoch z.B. von G. Ullmann in "exzentrischer Bauweise" nachgesagt
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- wie stehen Sie heute
zu dieser formalen Genialität zum einen, wie erklären Sie gerade
in Berlin die häufige Reduktion auf äußerliche Formalismen im Vergleich
zu Ihren anderen Leistungen auf konstruktivem und sozialem Niveau?
Es ist wirklich eine
sehr spezifische auf Berlin bezogene Rezeption. Berlin ist eine
Stadt, die in den letzten zehn, fünfzehn Jahren von einer Architekturdis-kussion
geprägt ist, die ihre Wurzeln bei O.M. Ungers hatte. Die ehemaligen
Un-gersschüler haben stark das Feld in Berlin besetzt und Ungers
ist ein extremes Beispiel für eine Architektur, die sich aus dem
Dirskurs herleitet. Man muß nur Texte von ihm lesen und dazu die
entsprechenden Häuser ansehen. Der Text hat durchaus poetische,
fast sogar
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expressionistische Qualitäten
- das Haus steht daneben knochentrocken.
Wie beurteilen Sie
diese Differenz in artikuliertem Anspruch und Übersetzung in gebaute
Realität?
- es ist ein Unvermögen
in der Umsetzung, dadurch entsteht diese aggressive Reaktion auf
unser Schaffen; hinzu kommt eine starke Prägung durch die sogenannte
68er Generation : alles, was nicht genau belegbar war, planbar war,
wurde angegriffen. Alles, was sich dem Diskurs entzieht, war verdächtig.
Dieses Denken prägt Berlin bis heute.
Gruppen wie Constant
und die internationalen Situationisten haben in den 68-ern mit sozialen
Prozessen gearbeitet - wie stand der Berliner
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Diskurs dazu?
Natürlich gab es auch
den sozialen Anspruch in Berlin, den Berliner Architekten war das
Entwerfen jedoch als bedingt diskussionsfähig verdächtig - im Grunde
genommen war es so, daß gerade die Leute, die in etwa zusammen mit
Hinrich das Studium beendeten, nicht verstanden haben, daß wir überhaupt
noch so leichtfertig sein konnten zu bauen - es wurde als Naivität
ausgelegt - es gibt sehr viele Leute aus meiner Generation, die
aus diesem Grund auch nie wirklich etwas gebaut haben und darunter
bis heute leiden. Anders kann man sich auch diese Aggressivität
nicht erklären. Das merkwürdige ist, daß es zum Beispiel in Süddeutschland
ganz anders ist - die süddeutsche Rezeption unserer Bauten ist wesentlich
positiver als hier in Berlin.
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Es ist natürlich nie
an den Architekten in Berlin vorbeigegangen, daß die Bewohner unserer
Häuser immer sehr begeistert waren und die Leute auf der Straße
stehenbleiben. Aber deswegen wird unsere Architektur als Freizeitarchitektur
oder plebeszitäre Architektur bezeichnet. Im Grunde genommen bekennen
wir uns zu einer plebeszitären Architektur, ohne daß sie populistisch
oder etwa so vordergründig ist wie z.B. der Potsdamer Platz. - Das
ist nur zu erreichen, wenn Architektur vielschichtig ist :
funktional und irrational,
einfach und aufwendig, geplant und überraschend, preiswert aber
mit Attributen des Luxus, leicht und schwer, - d.h. sich loslösen
vom Ja - Nein - Denken und hingeführt zum sowohl als auch.
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Flucht?
Haben Sie einmal überlegt,
aus Berlin wegzugehen?
Nein - ich liebe Berlin.
Berlin kann viel verkraften und hat so viele Menschen. - Sie
haben Ihre Spielräume? - Genau - es gibt genügend Möglichkeiten
in Berlin. Leider sind die Chancen der letzten zehn, fünfzehn Jahren
für Berlin architektonisch unzureichend wahrgenommen worden. Das
hat jedoch nicht nur etwas mit den Architekten zu tun, sondern auch
mit den Bauherren und dem politischen Verständnis in unserer Stadt.
Das Gespräch mit Frau
Prof. Inken Baller führte Dagmar Jäger.
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Die englische Fassung
dieses Gespräches erschien in der Milleniumsausgabe der schwedischen
Architekturzeitschrift "MAMA".
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